Nachbarschaft 2017

Kirchen mit Glocken, einer Orgel und vielleicht einem besonderen Portal gibt es auch in anderen Gemeinden des Kabelsketals. Bei verschiedenen Anlässen, zuletzt besonders auch im Zusammenhang mit unseren Glocken, hat sich ein sehr fruchtbarer heimatgeschichtlicher Austausch mit dem Förderkreis „St. Petrus“ in Osmünde ergeben.

Dies namentlich mit Herrn Peter Dörheit. Beim nächsten Heimatabend in Gröbers wird er auch auf die Orgel und Glocken unserer Kirche eingehen.

Glocken IV – Naundorf

Im Turm der Kirche St. Peter und Paul und St. Ursula in Naundorf befindet sich ein Glockenstuhl zur Aufnahme von drei Glocken.

Zurzeit sind zwei Glocken vorhanden:

–  Glocke mit 0,60 m Durchmesser

–  Glocke mit 0,49 m Durchmesser

Beide Glocken konnten viele Jahre nicht geläutet werden. Der Förderkreis Portal unter der Leitung des 1. Sprechers, Herr Voß, veranlasste eine Besichtigung der Glocken durch einen Sachverständigen. Dieser schätzte ein, dass mit überschaubaren Mitteln das Geläut der größeren Glocke wieder hergestellt werden könnte. Als Zielstellung dafür wurde angestrebt, dies bis zur Christvesper (mit Krippenspiel) am Heiligabend 2016 zu erreichen. Dies gelang dank der Handwerker der Firma Christian Beck, Glocken und Turmuhren, aus Kölleda.

Die Glocke mit 0,49 m Durchmesser befindet sich an einem Glockenjoch, das offenbar ursprünglich eine andere Glocke trug. Das Geläut dieser Glocke wieder herzustellen bedarf umfangreicherer Arbeiten. Darüber ist zu einem späteren Zeitpunkt zu befinden.

Zur Belegung des Glockenstuhls und zum „Schicksal“ der Glocken konnte Folgendes ermittelt werden:

Gemäß der „Beschreibenden Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Delitzsch1)in drei Bibliotheken der Stadt Halle verfügbar von Gustav Schönermark aus dem Jahre 1892 befanden sich zu diesem Zeitpunkt folgende Glocken im Turm der Naundorfer Kirche (wörtlich zitiert):


Die Glocke mit 0,92 m Durchmesser hat eine gefällige Form; ihren Hals umziehen vier Schnüre ohne Inschrift. Sie gehört muthmasslich in den Anfang des 13. Jahrhunderts, wird also mit dem Kirchenbaue gleichzeitig sein. Eine zweite Glocke misst 0,60 m im Durchmesser und hat oben vier Riemen, aber keine Inschrift; auch sie wird in dieselbe Zeit gehören.

Die dritte Glocke mit einem Durchmesser von 1,33 m hat diese Inschriften:

SO OFFT ICH WERDE KLINGEN, SO OFFT KOMM MAN ZV SINGEN ZV BETEN UND ZV HOEREN WAS GOTTES WORT WIRD LEHREN, WER GLAVBT VND FOLGT DEM WORT WIRD SEELIG HIER VND DORT.

Ein Teil der übrigen Inschrift weist auf den vermutlichen Glockengießer hin:

HANC CAMBANAM2)Die Verwechslung von b und p darf nicht verwundern in einer Gegend, in welcher noch heute von einem harten und weichen b bez. p gesprochen wird.
Anmerkung: diese Fußnote steht so im Original von Schönermark; das „heute“ bezieht sich also auf 1892
DXXXIV DECEMBR MDCCCLXV REFVDIT ET EFFORMAVIT F. A. BECKER  HALENSIS3)Dies Glocke 534 hat im Dezember 1865 (zurück-)gegossen und geformt F. A. Becker Halensi.
Das lateinische Wort fudere heißt übersetzt gießen, refudere zurückgießen, was so hier nicht richtig passt. Man könnte es vielleicht auch neu gießen oder erneut gießen deuten, dann wäre eine alte Glocke eingeschmolzen und daraus eine neue gegossen worden. Ganz unlogisch ist das nicht, da auf dem Lutherwappen die Zahl 1765 stand

Auch ein Wappen mit einer Luthermedaille als Bekrönung ist als Schmuck an der Glocke angebracht; unter diesem Wappen steht 1765, über demselben ist ein erhabener Crucifixus.

Zum Schicksal der letztgenannten Glocke konnte folgendes ermittelt werden: Sie hat den ersten Weltkrieg überstanden, den zweiten nicht mehr. Im Jahre 1942 wurde diese Glocke als  „Metallspende des deutschen Volkes“ für den „Endsieg“ über ein Fenster (Schallarkade) auf der Westseite des Turms heraustransportiert. Beim Herablassen auf den Erdboden stürzte sie ab und zersprang in mehrere Teile. Sie konnte gewissermaßen für das Einschmelzen vorbereitet abtransportiert werden.

Zum Schicksal der Glocke mit 0,92 m Durchmesser ist nur bekannt, dass sie 1942/43 nicht mehr im Glockenstuhl vorhanden war. Zu diesem Zeitpunkt befand sich nur die Glocke mit 0,60 m Durchmesser im Turm, sodass anzunehmen ist, dass sie bereits im ersten Weltkrieg ihr Ende im Schmelzofen fand und an diesem Glockenjoch die jetzt vorhandene kleinere Glocke mit 0,49 m Durchmesser befestigt wurde. Sowohl über die Herkunft als auch über den Zeitpunkt der Montage dieser kleinen Glocke konnte bisher nichts in Erfahrung gebracht werden.

Die Weihnachten 2016 wieder “in Betrieb“ genommene Glocke mit 0,60 m Durchmesser hat offenbar alle Widrigkeiten der Zeiten überstanden, obwohl auch sie schon auf einer Abrufliste4)laut Auskunft Heribert Wille des zweiten Weltkriegs stand!

Die „Lebenswege“ unserer Glocken in Naundorf und Kleinkugel sollten uns Mahnung und Verpflichtung bleiben, denn auf unserer kleinen Glocke unbekannter Herkunft steht:

* Maria hilf u(n)s * Not laß aus *

Es ist anzunehmen, dass  diese Glocke um 1500 gegossen wurde5)laut Auskunft Glockenbaufirma Christian Beck .

Die Informationen über das Ende der großen Glocke mit 1,33 m Durchmesser im Turm zu Naundorf sind von Herrn Heribert Wille, der Augenzeuge des Absturzes im Jahr 1942 war und unsere erhaltene Glocke von 0,60 m Durchmesser sowohl im Jahre 1943 als auch Weihnachten 2016 geläutet hat. Ferner danken wir Herrn Peter Dörheit für seine Recherchen.

Zusammenfassend bleibt festzustellen, daß es in Naundorf zu unterschiedlichen Zeiten wahrscheinlich insgesamt 4 Glocken gab. Anfang des letzten Jahrhunderts waren es die Glocken mit 0,60, 0,92 und 1,33 m Durchmesser. Die letzten beiden Glocken fielen Einschmelzaktionen der beiden Weltkriege zum Opfer. Die 0,49 m Glocke kam später hinzu. Dies könnte im Rahmen der Rückführung von Kirchenglocken geschehen sein. Dazu müßte im Kirchlichen Archivzentrum Berlin recherchiert werden.

Anmerkung: eine korrigierte Fassung der Glockeninschrift finden Sie hier.

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1. in drei Bibliotheken der Stadt Halle verfügbar
2. Die Verwechslung von b und p darf nicht verwundern in einer Gegend, in welcher noch heute von einem harten und weichen b bez. p gesprochen wird.
Anmerkung: diese Fußnote steht so im Original von Schönermark; das „heute“ bezieht sich also auf 1892
3. Dies Glocke 534 hat im Dezember 1865 (zurück-)gegossen und geformt F. A. Becker Halensi.
Das lateinische Wort fudere heißt übersetzt gießen, refudere zurückgießen, was so hier nicht richtig passt. Man könnte es vielleicht auch neu gießen oder erneut gießen deuten, dann wäre eine alte Glocke eingeschmolzen und daraus eine neue gegossen worden. Ganz unlogisch ist das nicht, da auf dem Lutherwappen die Zahl 1765 stand
4. laut Auskunft Heribert Wille
5. laut Auskunft Glockenbaufirma Christian Beck